Gib mir 2 Minuten.

mynd blog videolaenge grosses titelbild videolaenge titelbild klein mynd blog

Von Kollegen und Wartezeiten.

„Gib mir zwei Minuten!“ ist die wahrscheinlich einzig realistische Aufforderung zum Warten, die man regelmäßig zu hören bekommt. Denn in zwei Minuten bekommt man tatsächlich noch das Wichtigste erledigt, während die vertröstete Person mit einer Wartezeit konfrontiert wird, die sie innerlich vielleicht sagen lässt: „Ganz ehrlich, ich hab eigentlich gar keinen Bock mit dem Typ in die Mittagspause zu gehen! Aber gut, die zwei Minuten wart ich auch noch. Aber auf keinen Fall länger!“.

Denn Warten ist für den Menschen Folter. Verkehrsstaus, lange Schlangen im Supermarkt oder dieser unglaublich unaufmerksame Kellner, der einen einfach nicht bedient, OBWOHL MAN SCHON SEIT EWIGKEITEN GANZ GENAU WEIß, WAS MAN BESTELLEN WILL! PIZZA SALAME! SALAME! SALAME! MARIO!

Homo Sapiens: Aufrechter Gang. Opponierbarer Daumen. Zwei Minuten abschätzen.

So oder so: Zwei Minuten Wartezeit kann man jedem zumuten. Selbst wenn man sich nicht leiden kann. Das gilt für Arbeitskollegen wie auch für Video-Werbung. Vielleicht find ich alles ganz grausam, was man versucht mir zu verkaufen, aber verdammt nochmal, ich zieh mir dieses Video für die nächsten eineinhalb bis zwei Minuten rein! Denn diese Zeit hab ich und die bin ich auch bereit, zu investieren.

Problematisch wird die Sache, wenn man auf Teufel-komm-raus versucht, ein erklärwürdiges Produkt im Werbekontext derart ausführlich zu beschreiben, dass das Video signifikant länger dauert. Denn der Mensch hat ein enorm feinsinniges Gespür dafür, wann 120 Sekunden vorbei sind – auch ohne mitzuzählen. So wird der ungeduldige Kollege nach Ablauf dieser Zeitspanne mit hoher Wahrscheinlichkeit einfach allein losgehen und bei der verspäteten Ankunft so etwas blöken wie „Hmpf… deine zwei Minuten… jaja…“.

In der täglichen Arbeit mit Videos ist es immer wieder erstaunlich, wie schnell man merkt, dass ein Video doch mal wieder länger als zwei Minuten Laufzeit besitzt. Denn immer gerade dann, wenn man sich fragt, wie lang dieses Video denn nun noch gehen möge und man neugierig Cursor oder Daumen bewegt, um die Zeitleiste erkennbar zu machen, springt der Zähler von ‚02:02‘ auf ‚02:03‘. Sehr interessant.

Darf’s vielleicht doch ein bisschen mehr sein?

Natürlich gibt es endlos viele Videobeispiele, die auch mit einer längeren Laufzeit funktionieren: Educational Channels auf YouTube machen vor allem deswegen Spaß, weil sie auf sehr durchdachte Weise komplexe Informationen verständlich aufarbeiten – mit vielen, vielen Details. Da macht es auch nichts, wenn ein Video 10 Minuten oder länger dauert. Nicht selten haben solche Kanäle Millionen von Abonnenten und können darauf bauen, dass ihre Followerschaft bereits darauf eingestellt ist, hier kein kurzes Häppchen präsentiert zu bekommen – was sie dank des klaren Fokus des Senders in Kauf nehmen. Zeitinvestment für Selbstoptimierung (und nicht für Werbung) = supi.

Diese Kanäle produzieren also keine Werbung, sondern Bildung – doch auch sie sind nur dann erfolgreich, wenn sie bei aller kostenloser Informationsvermittlung gleichzeitig unterhaltsam sind. Deswegen folgen solch lange Videos eher der Logik des Dokumentarfilms und halten den Zuschauer so länger vor den Bildschirmen.

Hauptberufs-YouTuber und Instagram-Influencer sind natürlich ein passendes Gegenbeispiel: Sie können viele Minuten irgendetwas Belangloses von angeblichen Liebesbeziehungen mit vermeintlichen F-Promis erzählen oder andere Accountinhaber beleidigen, um Aufmerksamkeit zu erregen (um nebenbei Produkte zu erwähnen, die sie angeblich persönlich total toll finden).

Das kann man in unserer spätkapitalistischen Welt als schamlos agierende Marketingabteilung, die ihre Luxus-Beauty-Produkte unter der wichtigen Zielgruppe acht- bis elfeinhalbjährigen Mädchen bekannt machen möchte, schon mal ausnutzen. Oder sollte man vielleicht eher doch nicht?

Wir müssen reden. Über Ihre Zielgruppe!

Wie auch immer. Ein wirklich gutes Video im Werbekontext ist ehrlich, kurz und trotzdem informativ. Es muss den Zuschauer auf etwas aufmerksam machen – zuerst auf ein Problem und dann auf die Lösung. Klar, dafür muss man die Zielgruppe definieren und deren Bedürfnisse ganz genau verstehen, aber vor allem darf man nicht den Fehler machen zu glauben, dass die potentiellen Zuschauer schon dranbleiben, weil es sich ja immerhin um ein (Achtung, jetzt kommts) VIDEO handelt. Video allein reicht längst nicht mehr.

Ein Hineinversetzen in die eigene Zielgruppe bedeutet auch, ehrlich mit sich selbst seinem zu kommunizierenden Anliegen umzugehen. Was sind die wirklich wichtigen Punkte, die erwähnt werden müssen? Welche tiefergehenden Infos kann sich der Zuschauer auch noch später problemlos einholen, zum Beispiel auf der eigenen Website? Was bringt die Zielgruppe zum Lachen, zum Weinen, zum Grübeln?

TTT: Titel – Texte – Tempo(ramente).

Der Ton bestimmt auch hier die Musik: Emotional aufwühlend, sachlich nüchtern oder locker und witzig – der Sprechertext transportiert auf auditiver Ebene Feeling und Fakten gleichermaßen. Deswegen ist es wichtig bereits im Vorhinein darüber nachzudenken, wie genau man die Menschen da draußen ansprechen möchte. Möchte man potentielle Kunden in erster Linie emotional anteasern, mit Erwartungen des eigenen Images brechen oder komplexe Produkte bzw. Prozesse verständlich erklären? Das alles wird natürlich einerseits durch den Inhalt des Textes, aber auch durch Rythmus, Stimmlage und Betonung definiert.

Zumindest, wenn es einen Sprecher geben soll! Denn ein Video kann auch ohne gesprochenes Wort funktionieren, und zwar genau dann, wenn man eine Bildsprache findet, die keinerlei Raum für Verwirrungen oder Ungereimtheiten lässt.

Doch der Sprecher definiert nicht nur Inhalte und Emotionen, sondern auch die Länge des Videos. Es ist ein schmaler Grad zwischen Langeweile und Unterhaltung, emotionaler Ansprache und kitschigen Phrasen. Und letzten Endes entscheidet dabei auch immer der Geschmack. Aber eins ist klar: Wenn die Botschaft nicht in maximal 250 gesprochenen Wörtern zu übermitteln ist, sollte der eigene Ansatz hinterfragt werden. Denn ein längerer Text bedeutet auch ein längeres Video.

Natürlich unterscheidet sich die Herangehensweise an ein Video mit jeder Zielgruppe, jedem Produkt und jedem Auftraggeber. Doch ein guter Sprechertext, der reibungslos mit der visuellen Ebene verschmilzt, kann nicht nur das vorgegebene Ziel erreichen, sondern gar zu einem kleinen Kunstwerk werden!

…und am Ende kommt es doch auf die Länge an!

Fassen wir also zusammen. Orientieren wir uns nicht an YouTubern, die auf die unbekümmerte Konsum- und Tratschgeilheit ihrer Jünger setzen, die sich nach einem Leben sehnen, das so glamourös und sorgenfrei ist wie das vorgegaukelte. Orientieren wir uns auch nur bedingt an Educational Channels, die oft famos gut recherchierte Videos produzieren, die nicht nur lang sein dürfen, sondern sogar sein müssen, aber keinerlei Verkaufsabsicht oder Imagebildung verfolgen.

Orientieren wir uns an unserer evolutionsgegebenen, ganz persönlichen Aufmerksamkeitsspanne und unserem ungeduldigen Kollegen, dem der Mittagsmagen schon in den Kniekehlen hängt:
„Gib mir zwei Minuten!“? „Okay okay, aber ECHT nicht länger!“