Kommt es auf die Länge von Internetvideos an?

Zum Sehverhalten von Internetnutzern und der Länge erfolgreicher Internetvideos

Mann sitzt am Schreibtisch, darüber eine Uhr Mann sitzt am Schreibtisch, darüber eine Uhr

Alles dreht sich darum, doch niemand hat es: Zeit. Deswegen muss man Prioritäten setzen. Was macht man aber jetzt, wenn das ganze Internet voller Bewegtbild ist und man nicht wegschauen kann? Richtig, nichts – man ist ja schließlich auch nur ein Mensch. Doch die Zeit wird knapper und man versucht nur noch die kurzen Spots zu schauen. Somit kommt es doch immer auch auf die Länge von Internetvideos an, oder? Ich habe mir das mal genauer angeschaut.

Über Psychopathen und Fernsehformate

Internetvideos sind wie Hundebabies: Man kann nicht genug von ihnen kriegen und jeder der sie kategorisch nicht mag, ist wahrscheinlich ein Psychopath. Nun sitze ich hier selbstreflexiv und frage mich: Welche Videos schaue ich eigentlich und hat deren Länge vielleicht etwas mit ihrem Erfolg zu tun? Da stechen vor allem Monologe bekannter amerikanischer Late-Night und Satire-Shows hervor. Ich muss schließlich wissen, was in den zynischen Köpfen der Comedy-Elite zu aktuellen Ereignissen vorgeht. Und zwar am besten täglich! Diese Videos sind dabei selten kürzer als 5, oft mehr als 10 Minuten lang.

Aber zählen editierte Fernsehaufzeichnungen überhaupt als Internetvideo?

Sicher doch! Der Rezipient entscheidet letztlich ja, welches Format erfolgreich ist und wenn man sich die US-Youtube-Trends ansieht, funktionieren ebenjene Clips regelmäßig gut. Videos im Internet zu schauen ist für viele Menschen schlichtweg zur Routine geworden. Der morgendliche Kaffee schmeckt einfach besser mit nem Schluck Colbert und nem halben Löffel Meyers.

YouTube und der Mythos der Aufmerksamkeitsspanne

Eigencontent kreierende, native YouTuber hingegen können vor allem darauf setzen, dass ihre Abonnenten sie ganz einfach sympathisch finden. Da passiert es schnell, dass man sich ein 15 Minuten Reaction-Video von h3h3productions reinzieht oder den Slow Mo Guys 8 Minuten seiner Zeit schenkt. Die emotionale Bindung zu den Protagonisten lässt den Zuschauer nach mehr Content lechzen. Wieso schaffen es erfolgreiche YouTuber aber nun minutenlange Videos produzieren, wo den jungen, internetaffinen Menschen doch so häufig eine extrem begrenzte Aufmerksamkeitsspanne nachgesagt wird?

Zunächst mal…

Das Internet wird auch weiterhin von sehr kurzen Slapstick-Videos geprägt sein, die zu viralen Hits werden und die deine Tante zweieinhalb Jahre später in die Familien-WhatsApp-Gruppe mit tränenlachenden Emojis postet. Viel einflussreicher sind aber Inhalte, die beim Betrachter bleibende Eindrücke hinterlassen. Sei es durch den kumpelhaften YouTuber, der seine Alltagsprobleme mit mir teilt, den Channels, die mir dabei helfen die Welt zu verstehen oder die Comedians, die mich täglich zum Lachen bringen und mir meine tägliche Dosis Eskapismus liefern: Für viele Menschen ist das Internet längst zum neuen Fernsehen geworden, mit dem sie das Programm eigenständig bestimmen und Kreative selbst entscheiden, was sie senden möchten.

Lean back?

Es kommt vermutlich auch auf Ort & Zeit der Videorezeption an. In der Bahn oder zwischen Tür und Angel wird man sich wohl eher die kurzen Katzenvideos mit Gurke anschauen, während man sich nach Feierabend auch mal den Tatort in der Mediathek oder eine Doku reinzieht. Die Stimme meines alten Professors säuselt mir ins Ohr: „bei klassischen Fernseh-Inhalten spricht man von sog. Lean-Back-Medien“, weil man sich hier eben entspannt ins Sofa lümmelt, Popcorn knabbert und Inhalte rezipiert, die gerne auch mal ein paar Minuten länger entertainen. Wenn man also nach der perfekten Länge eines Internetvideos fragt, dann ist die Antwort wohl: solang es Spaß macht, ist es gut. Wir haben in der virtuellen Welt eben die Auswahl aus so vielen verschiedenen Inhalten. Deshalb brauchen wir vor allem eins, um den wirklich guten Content zu finden: Zeit!